Urlaub dahoam: Ein Sommertag in München

Ein Gastbeitrag von Katrin Schultze-Naumburg

Es ist jedes Jahr dasselbe: in den letzten Julitagen wedelt halb München schon nervös mit den Reisetickets und wartet sehnsüchtig auf den Urlaub. Ich liebe diese Zeit im Jahr, die letzte aufbäumende Unruhe, bevor die Stadt in ihre Sommerpause verfällt. Und die schläfrige Ruhe im August danach, wenn sich die Welt in München ein bisschen langsamer und leiser zu drehen scheint.

Vor allem ist es aber die beste Zeit, um bei der Blogparade von muenchen.de zum Thema „Urlaub dahoam“ mitzumachen. Weil man im Urlaub eigentlich immer etwas Neues entdeckt, will ich diesmal auch eine etwas andere Seite meiner Heimatstadt erkunden. Daher habe ich mir ein Motto gesetzt: ein Sommertag in München, ganz im Geiste jüdischer Kultur.

Mitten im Herzen Münchens: Die Synagoge am St-Jakobs-Platz

Mitten im Herzen Münchens

Der beste Ort, um diesen besonderen Tag zu beginnen, ist wohl der St-Jakobs-Platz. Dort stehen die Synagoge, das Jüdische Museum München und das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde. Hier ist die Jüdische Kultur in München heute am lebendigsten. Die Gemeinde von München und Oberbayern ist mit 9500 Mitgliedern sogar die zweitgrößte Deutschlands.

Meine erste Anlaufstelle ist gleich das Café Exponat im Jüdischen Museum München. An einem der Tische vor dem Museum kann man wunderbar das Treiben auf dem St-Jakobs-Platz beobachten. Auch auf die Synagoge hat man von hier aus einen guten Blick. Die kann man übrigens mit Voranmeldung besichtigen und ist definitiv einen Besuch wert.

Ein Capuccino mit Blick auf die Synagoge im Café Exponat

Never Walk Alone im Jüdischen Museum

Heute zieht es mich allerdings in die aktuelle Ausstellung „Never Walk Alone. Jüdische Identität im Sport“ des Jüdischen Museums München. Auf zwei Ausstellungsebenen werden sämtliche Facetten der Bedeutung des Sports aus einer jüdischen Perspektive heraus beleuchtet. Spektakulär ist immer wieder auch die Ausstellungsarchitektur. Auch diesmal enttäuscht das Design der Ausstellung nicht: auf einer Ebene bewegt man sich wie durch ein Tischfußballfeld und die Vitrinen werden von überlebensgroßen Kickerfiguren getragen.

Die Ausstellungsfläche wird zum Tischfußballfeld

Jüdischer Lesestoff in der Literaturhandlung

Anschließend stöbere ich noch ein wenig in der Literaturhandlung, die jüdische Buchhandlung im Foyer des Museums. Zu meiner Freude entdecke ich ein Buch einer meiner Lieblingsautorinnen: „Im weiß-blauen Land“, geschrieben 1923 von Carry Brachvogel. Die Münchner Autorin war Jüdin und eine der ersten Frauenrechtlerinnen unserer Zeit. Mit viel Humor und Scharfsinn nahm sie in ihren Erzählungen meistens die Münchner Gesellschaft aufs Korn. Etwas Gutes zu lesen kann man im Urlaub immer gebrauchen, also muss das Buch mit.

Alles über jüdische Kultur in München gibt es in der Literaturhandlung

Jüdische Promis auf dem Ostfriedhof

Da die Sonne so schön scheint, möchte ich mir ein wenig die Beine vertreten. Also setze ich mich auf mein Fahrrad und steuere den Münchner Ostfriedhof an. Hier sind viele bedeutende Persönlichkeiten beerdigt, darunter auch einige jüdische Bekanntheiten unserer Stadtgeschichte.

So war zum Beispiel die Beerdigung von Kurt Eisner die größte in der Geschichte des Ostfriedhofs. Der erste bayerische Ministerpräsident wurde 1919 von einem Studenten mit antisemitischen Überzeugungen ermordet und mehrere tausend Bürger wohnten seiner Trauerfeier bei. Sein Grab findet man hier aber leider nicht mehr, da die Nationalsozialisten den Leichnam exhumierten und auf den Jüdischen Friedhof verlegen ließen.

Auf meinem Spaziergang über den Friedhof stoße ich dafür auf das Grab von Elsa Bernstein, die gemeinsam mit ihrem Mann Max Bernstein den legendären Münchner Literatur-Salon Bernstein führte. Genau wie Carry Brachvogel gehörte sie zu den einflussreichsten Literatinnen Münchens des frühen 20. Jahrhunderts.

Ein Stückchen Tel Aviv in München

Nachdem ich einige Zeit im Schatten der Bäume herumgelaufen bin, meldet sich mein Hunger. Zeit, wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Also statte ich dem kleinen Restaurant Nana in der Nähe vom Weißenburger-Platz einen Besuch ab. Dort gibt es herrliche Meze, Hummus und Shakshuka (das typische Israelische Frühstück aus Tomaten, Paprika und Eiern).

Ich entscheide mich für Falafel mit selbstgemachter Minz-Zitronen-Limonade und schwelge in Erinnerungen an meinen letzten Urlaub in Tel Aviv. Was hätte ich dort nach einem leckeren Mittagessen und bei so herrlichem Wetter gemacht? Natürlich wäre ich an den Stadtstrand gegangen und hätte mich dort in den Sand gelegt.

Bei Falafel und Limonade im Nana schlemmt man wie in Tel Aviv

Strandfeeling an der Isar

In München haben wir zwar nicht das Meer, aber dafür die Isar. Genau wie in Tel Aviv kann man mitten in der Stadt am Wasser liegen, baden und Leute beobachten. Der israelische Nationalsport Matkot, eine Art Beachball mit Holzschlägern und einem Squashball, wird dort am Strand leidenschaftlich gerne gespielt. Hier bei uns geht das auf Gras in den Isarauen und im Englischen Garten natürlich auch super.

Heute mache ich es mir aber lieber an den Kieselbänken beim Müllerschen Volksbad auf meinem Handtuch bequem und lese in meinem neu erworbenen Buch. Dabei bringen mich besonders Carry Brachvogels Beschreibungen der Spaziergänger im Englischen Garten zum Lachen. Dass es die „oberflächlichen Plausch- und Flirtpärchen“ zum Chinesischen Turm und die „gefräßigen“ zum Michlhäusl zieht ist wohl heute immer noch genau so wahr wie vor 100 Jahren.

Beim Entspannen am Isarstrand kommen Urlaubsgefühle auf

A Bier und a Brotzeit, bittscheen…aber koscher!

An einem „Urlaubstag dahoam“ dürfen natürlich zwei Sachen nicht fehlen: die Isar und der Biergarten. Und nach meinem entspannten Nachmittag am Isarstrand bekomme ich auch schon bald Lust auf ein kühles Bier und eine schöne Brotzeit.

Bevor es also in Richtung Biergarten geht, will ich noch einen kleinen Abstecher zu Münchens einzigem koscheren Supermarkt machen. In der Prinzregentenstraße bei „Danel Feinkost“ stehe ich dann leider aber vor verschlossenen Türen. Na klar, es ist Freitagnachmittag und der Schabbat beginnt bald. Macht aber nichts, dann radel ich eben ohne Brotzeit los in die Maxvorstadt.

Koscherer Gerstensaft in der Max-Emanuel-Brauerei

Dort kenne ich noch einen kleinen Biergarten aus meinen Studienzeiten an der LMU. Versteckt zwischen Häusern ist der ruhige Biergarten der Max Emanuel Brauerei hinter der Uni selbst vielen Münchnern noch unbekannt. Zu meinem „jüdisch-bayerischen“ Sommertag passt er aus einem ganz bestimmten Grund: in diesem Biergarten wird Löwenbräu ausgeschenkt.

Im Zuge der Wirtschaftskrise nach dem ersten Weltkrieg fusionierte nämlich Löwenbräu mit der Unionsbrauerei der Jüdischen Familie Schülein. Bis 1935 blieb Hermann Schülein im Vorstand bei Löwenbräu, bevor er auf Druck der Nationalsozialisten zurücktrat und in die USA emigrierte. Somit ist Löwenbräu eine Brauerei mit einer teils jüdischen Geschichte.

Im Biergarten angekommen bestelle ich endlich mein kühles Helles. Nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier ist übrigens von Natur aus koscher. So lasse ich dann gemütlich mit einem bayerisch-koscheren Hellen im Schatten der Kastanienbäume meinen „Urlaubstag dahoam“ ausklingen. Prost und Le Chaim!

Nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier ist von Haus aus koscher

 

Katrin Schultze-Naumburg

Studentin der Jüdischen Museologie und Freie Redakteurin in München


Beitragsbild/Bilder: Katrin Schultze-Naumburg

Ausstellungsansicht: Jüdisches Museum München

Isarstrandbild: Susanne Schöb

 

Hinterlasse eine Antwort

*