TV-Erlebnis der besonderen Art: Heiter bis meschugge

Fernsehschauen kann weh tun. Augen und Ohren können erheblich leiden. Und könnte man die Fernsehbilder riechen, würde wohl der Duft von Haarspray und Kunstblumenlack stechenden Kopfschmerz verursachen. Aber gut, andere Zeiten andere Sitten: Heiter bis meschugge hieß eine Unterhaltungsshow, die das ZDF im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ im Jahr 1974 ausgestrahlt hat.

Als „heiterer Beitrag“ zum „Verständnis des Humors unserer jüdischen Mitbürger“ kündigt das ZDF die Sendung an und schon beginnt ein Geigenspieler als „Fiedler auf dem Dach“ durch eine farbenprächtige Kulisse herum zu spazieren, um die Zuschauenden auf der noch ahnungslosen Couch langsam einzustimmen.

Zaghafte Nostalgie macht sich breit. Doch schon nach wenigen Takten beginnt der eigentliche Schrecken: Ein tanzwütiges Ensemble – vielleicht das Fernsehballett? – beginnt sich durch einen Reigen von Anatevka-Motiven zu tanzen. Über Familientradition, über die „jiddische Mamme“, den etwas verschlossenen, aber belesenen Bräutigam wird gesungen und der Schauspieler Shmuel Rodensky – in dieser Sendung vielleicht der Einzige, der tatsächlich Jiddisch beherrscht – stolziert im Sprechgesang durch die Szenerie.

Die Moderation dieser Sendung hat Lore Lorentz übernommen, eigentlich ein Urgestein des politischen Kabaretts, die das Kom(m)ödchen in Düsseldorf als erstes deutsches Nachkriegskabarett mit aufgebaut hat. Doch in dieser Sendung stößt sie an ihre Grenzen. Sie bewegt sich hölzern von einer verkitschten Kulisse zur nächsten.

Die meisten Sketche spielen in Kaffeehäusern – in Wien, Prag, Paris und Berlin. Auf Gemeinsames wird hingewiesen: All die jiddischen Begriffe im deutschen Sprachgebrauch. Greta Keller, einst eine österreichische Chansonsängerin, erzählt im schwermütigen Unterton über das kulturell so vielseitige Leben im Roten Wien der 1920er Jahre. Es hilft nichts, die damaligen Kritiken in den Zeitungen sprechen Tacheles: Das war weder heiter noch meschugge, das war ein Krampf!

Nicht zuletzt wegen dieser plakativen Zurschaustellung von Klischees und stereotypen Vorstellungen über jüdischen Humor und „Jiddischkeit“ findet diese Sendung Eingang in die aktuelle Wechselausstellung.

Heiter bis meschugge heisst eine Station, in der der Umgang der Medien mit israelischen Musikerinnen und Musikern thematisiert wird. Verfolgt man die Fernsehauftritte von Daliah Lavi und den Ofarims in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, hat man aus heutiger Sicht fast den Eindruck, man habe ihnen als Anleitung für ihren Erfolg in Deutschland mit auf den Weg gegeben, immer heiter und vielleicht ein wenig meschugge zu sein: Es lebe der Leichtfuß! Vielleicht passte alles andere im Zusammenhang mit einer ernsthaften Beschäftigung über jüdische Kultur und Tradition nicht so recht zum braunorangenen Zeitgeist der Siebziger?

Die aktuelle Wechselausstellung: Das war spitze! Jüdisches in der deutschen Fernsehunterhaltung ist noch bis zum 06. November 2011 im Jüdischen Museum München zu sehen.

2 Antworten zu “TV-Erlebnis der besonderen Art: Heiter bis meschugge”

  1. Jackob sagt:

    Das scheint ja ein sehr buntes specktakel zu sein, die Fotos und Bilder lassen auf mehr hoffen… Mal schauen ob ich bis november noch mal nach münchen kommen werde.

  2. Brita sagt:

    Ist sicherlich eine sehr interessante Ausstellung. dies Bezüglich gab es auchhier im Ruhrgebiet kürzlich eine interessante Ausstellung. Ich finde es wichtig Geschichte in einen entsprechenden Rahmen zu packen.

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