Kommentar des JMM zu „Landauer – Der Präsident“

Vergangene Woche am 15.Oktober premierte „Der Präsident„, der Film über FC Bayern Präsident Kurt Landauer. Neben dem Kurt Landauer Fanshop, der die Requisiten aus dem Film ausgewählten historischen Objekten gegenüberstellt und noch bis Ende der Woche im Foyer des Jüdischen Museums besichtig werden kann, hat sich das Jüdische Museum daran gemacht, den Film aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu kommentieren. Fiktion trifft Historizität.

TC 00:00:46
Kurt Landauers Neffe verfolgt die Deutsche Meisterschaft 1932 am Radio. Die restliche Familie sitzt im Garten bei Kaffee und Kuchen.
Schon in den ersten Sekunden des Films wird die jüdische Herkunft der Familie Landauer thematisiert. Doch wie kann dies allein mit filmischen Mitteln umgesetzt werden? Es ist die Kippa, die rituelle Kopfbedeckung für religiös lebende Juden, die hier als „jüdisches Requisit“ verwendet wird. Tatsächlich lebte die Familie Landauer längst losgelöst von ihrer jüdische Tradition und Religion. Kurzum: Ihre jüdische Herkunft lässt sich filmisch gar nicht zeigen.


TC 00:08:05
Kurt Landauer kehrt zurück nach München und trägt seinen Koffer durch die zerstörte Stadt.
Nur sehr wenige jüdische Deutsche kehrten nach 1945 aus ihrem Exil zurück. Kurt Landauer entschloss sich zu diesem Schritt. Wie aber diesen Moment der Rückkehr, oftmals verbunden mit dem Gefühl der Ortslosigkeit und Isolation, im Film zeigen? Mit dem Mittel der Montage – der Schauspieler bewegt sich vor dem Hintergrund historischer Stadtansichten – findet der Film eine bildstarke Metapher.


TC 00:21:17
Kurt Landauer spielt auf einem einfachen Bolzplatz mit Kindern Fußball.
Kurt Landauer war Fußballspieler – mit Leib und Seele. Seine Rückkehr nach München war für ihn vor allem mit dem Wunsch verbunden wieder für seinen alten Fußballverein FC Bayern tätig zu sein. Diese Szene zeigt ihn kurz nach seiner Ankunft 1947 , sozusagen im ersten Ballkontakt mit der deutschen Bevölkerung. Landauers Annäherung findet über das Fußballspielen mit Kindern statt – ein dramaturgisch starkes Bild.

TC 00:23:34
Kurt Landauer und Siggi Hermann sitzen auf den Trümmern der zerstörten Zuschauertribüne des Stadions an der Grünwalder Straße.
In mühevoller Arbeit, anhand historischer Baupläne und zeitgenössischer Fotografien, ist der Zustand der einstigen Tribüne des Grünwalder Stadions als Filmkulisse nachgebaut worden. Ein historischer Ort wird wiederbelebt. Dass dabei die Rekonstruktion aus logistischen Gründen in Essen aufgebaut wurde – wen interessiert’s! Das kann nur Film leisten.


TC 00:32:54
Kurt Landauer mit seiner Geliebten Maria Baumann in der Wohnung. An der Wand sind antisemitische Schmierereien zu sehen.
Hier schlägt der Film sich mit seinen eigenen Mitteln: die notwendige Verknappung komplexerer Sachverhalte führt in dieser Einstellung zu einer doch sehr großzügigen Auslegeung der historischen Ereignisse. Kurt Landauer kehrt nach 1945 nicht in seine einstige, reich möblierte Wohnung zurück. Tatsächlich erhielt er nach seiner Rückkehr eine einfache Mietwohnung zugewiesen, bescheiden ausgestattet. Dass für den Dreh die Torüberschrift der NS–Konzentrationslager als Schmiererei in Landauers Wohnung angebracht wird, wirkt so aus dem Zusammenhang gerissen plakativ und kann Landauers erlebtes Verfolgungsschicksal nicht versinnbildlichen. Fakten hin – Dramaturgie her – es bleibt zu fragen, weshalb die beiden sich zwar häuslich einrichten, diese Schmiererei in ihrer eigenen Wohnung aber nicht entfernen?!


TC 00:34:03
Kurt Landauer im Auto auf dem Weg zu einem Gespräch mit den amerikanischen Alliierten über eine mögliche Lizenz zum Fußballspielen.
Das Bild vom urigen, bodenständigen FC Bayern-Präsidenten – genial besetzt mit Josef Bierbichler – wird mit dieser Szene im Mercedes Oldtimer unterstützt. Tatsächlich aber konnte sich Kurt Landauer als beinahe mittelloser Remigrant solch ein Automobil gar nicht leisten. Auch die Vereinskasse des FC Bayern war leer. Handelt es sich also um eine stereotype Einstellung oder ist der Mercedes nur zufälliges Requisit? Diese Frage brauchen sich die Historiker gar nicht erst stellen, denn Landauer besaß gar keinen Führerschein.

TC 00:59:59
Kurt Landauer zeigt einem Jungen die Fingerabdrücke, die er und seine Geschwister als Kinder im noch nassen Beton am Rande eines Fußballplatzes hinterlassen haben. Vier seiner Geschwister wurden im Nationalsozialismus ermordet.
Wie jedes andere künstlerische Medium ist es auch für den Film eine schwierige Herausforderung das Unsagbare der Schoa in Bildern darzustellen. Die hier gewählte Einstellung ist ein leises Bild und eine gelungene Annäherung an das Unvermittelbare.


TC 01:16:06
Kurt Landauer sitzt mit Siggi Hermann auf einer Wiese im bayerischen Umland. Ein Gespräch über das Für und Wider der Rückkehr von Landauer findet statt.
Hermann: Glaube mir, die Entscheidung [nach Hause zu kommen] war richtig.
Landauer: Und wenn einer von ihnen den Pauli umgebracht hat oder den Franz oder die Gabriele?
Hermann: Kannst Du nicht endlich mal a Ruah geben?!
Landauer: Ruah geben? Meine Geschwister sind tot, umgebracht.

Saftige grüne Wiesen, zwei alte Freunden unterhalten sich, ein Stück Nachkriegsidyll – die sprachliche Ebene steht dieser Einstellung konträr entgegen. Das verstärkt den Inhalt dieses Gesprächs nur noch.

Fotos: Filmstils aus „Der Präsident“, dem ARD-Spielfilm über Kurt Landauer.

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